Donnerstag, 20. August 2009

...

1. Bridgewalker

„Hm“ mache ich, schließe die Augen und genieße scheinbar den Geschmack der Himbeere, die du mir in den Mund geschoben hast, du lachst. Mich aber durchpulst eine gierige Tonne voll Glück wegen der flüchtigen Berührung deiner rauen Fingerspitzen an meinen Lippen.
Später lehne ich mich zurück und schmiege mich in deinen mir viel zu großen Pullover und mir ist furchtbar heiß darin, aber er riecht nach dir und deshalb ist sowieso die Hitze ganz egal
Ich frage mich warum ich seit 5 Wochen so am Leben bin. Nicht wegen dir, du bist neu wie der Tag, vielmehr ist die Möglichkeit eines Du-s ja auch erst seit kurzem vorhanden.
Dabei ist gerade alles mittendrin und in der Schwebe. Vielleicht mehr Berlin, vielleicht doch Mainz, vielleicht auch einfach verschwinden. Überhaupt hier sein, in der Heimat, weit weg von allem wirklichen. Und das Geld, das liebe Geld, das ist sowieso nur noch am kleinkrämern auf meinem Konto. Und neulich, da hab ich eine Flasche Bier geklaut, unabsichtlich, ganz aus versehen, aber das musst du dir vorstellen, ich hab hinterher gekichert wie ein Schulmädchen und mich, wenn ich ehrlich sein darf auch so gefühlt. Großartig, du, sag mal, oder? Hörst du mir eigentlich zu?
Und heute am Vatergrab da hab ich sogar kurz geglaubt seine Stimme zu hören, wie er sagt: „Mademoiselle, wein doch nicht.“ So hat er mich genannt, damals vor tausend Jahren, als er noch da war. Verstehst du, eigentlich, eigentlich passt überhaupt nichts.
Heute auf der Kochertalbrücke hab ich sogar eine Sekunde gedacht „Ach da kann man doch einfach den Zaun umfahren und dann gehts' ab, du, eeeeeewig runter. Und dann BA-DA-BUUUM ist man weg, tausend Jahre weit weg und immerhin bei mir redet hinterher sicher keiner übers Geld, das ich nicht hinterlassen habe. Siehst du, ich weiß nicht, warum ich mich dann so lebendig fühle und mir Menschen wie du sagen, dass ich sehr schön bin wenn ich lache. Und ich es jetzt hinkriege, dir dabei in die Augen zu sehen, wo ich sonst längst weg gerannt wäre.
Und ich sage dir, während ich in Gedanken meinen Kopf in die Kuhle unter deinem Hals lege und dir gegen die Haut atmen, dass ich ein Brücken-, ein Grenzgänger bin. Dass ich ein ungewollter Pilger bin auf der Suche nach einer Heimat. Mich packt die Wanderlust alle Tage. Und nur weil ich jetzt auf einer Bank sitze an einer Weggabelung und weil ich jetzt vielleicht noch drei Wochen unbekümmert frei sein kann und noch nicht weiß wie alles weitergeht und alles endet und neu beginnt, nur deshalb kann ich jetzt neben dir sitzen. Weil ich weiß, du bist nicht von Dauer. Aber in vier Monaten am nächsten Ort, der mich gerade unruhig macht, weil er mich zwingt zu bleiben, werde ich anfangen dich zu vermissen.

2. Supernova

In mir rotiert sich der Welten Neubeginn seinem Höhepunkt entgegen, ich strebe gegen unendlich, gegen alles weit entfernte, ich expandiere, in dem ich allem hier seine unbändige Kraft, seine glühgelben Photonen entziehe.
Es liegt an der Verdrängung. Das ist in Wahrheit der Anfang aller Leichtigkeit, die periodische Verdrängung des Alten. Und ich bin darin wirklich ungemein geübt und habe es zu einer gewissen Virtuosität gebracht.
Sicher, man vergisst auch Dinge wie den Geruch von frischem Kaffee bis man dann wieder welchen trinkt und Dinge die man nie wieder tut, hat man für immer vergessen, aber auch der Schmerz und seine Geschwister Kloß im Magen und die verfickte alltägliche Trostlosogkeit des Mittelmaßes. Und das wiegt alles auf. Alles. Die paar Monate vollgepumpt mit Endorphin, wenn ich so neu bin wie ein Krokus, die sind alles. Die bedeuten die Welt. Ich lache an den Abenden, deren Wege gesäumt sind mit Fackeln und Windlichtern schallend und bleibe im Regen stehen, der mir die Schminke übers Gesicht schwemmt und lache und lache und es ist scheißegal wer da ist und wo ich bin. Denn ich bin neu. Rien ne va plus. Und es zählt auch nichts mehr.
Nicht der Vater oder die geerbten Schulden, nicht die Matratze unter dem Schreibtisch auf der ich schlafe, nicht die Freunde, die mir den letzten Nerv oder die Kraft rauben und die nur sich selbst kennen, nicht die 5 verschwendeten Jahre, nicht die ungewisse Zukunft, nicht das Küssen der falschen Lippen und die Sehnsucht die sich dahinter verbirgt und die ich ersticke, weil ich Nichtschwimmer an der Liebe ertrinken würde. All das, Schall und Rauch, achwas substanzlos, Licht und Schatten, achwas nicht sichtbar, nur noch Radiowellen längts vergangener Zivilisation im Weltraum. Supernova, in deren Goldring alles kauterisiert und zu Asche zerfallen ist. In meiner irdenen Urne beware ich sie auf und streue sie, die Menschen, die gehen, in neue Planeten, auf dass sie ewig um mich gravitieren.

Dienstag, 7. Juli 2009

escapism

Ich bin am Ort aller Orte, dort wo Übel und Freude einander Zwillinge sind und an den Herzen miteinander verwachsen. Ich bin an dem Ort, an dem einen, dem einzigen, an dem ich aus dem Sumpf ans Licht kam und an dem ich mir eines Tages mein eigenes Grab schaufeln werde. Ich weiß es jetzt.
Fünfzehn endlose Tage schon und alles andere ist nur noch verwischt, Berlin ist ein Schemen, die Träume vergessen. Hier ist der Abgrund. Nur fünfzehn Tage hat es gedauert und ich hab Drogen genommen, mit jemandem geschlafen mit dem ich weder schlafen wollte noch sollte - jemals, die Pille danach genommen, mir alle Finger blutig gekaut, die Pupillen haben den Schneewalzer getanzt und die Augen haben sich leer geweint. Achja und - ich vergess es immer wieder - den Vater beerdigt. Den fremden Mann am Ende des Regenbogens, verkommen zum Goldtopf.
Hier bin ich die, die ich war und alles neue ist vergessen, hier bin ich, was alle von mir denken und den Blicken halte ich nicht zwei Sekunden stand. Ich schmilze unter ihnen weg, wie Malagaeis an der Sonne und spucke die Rosinen neben meine Fußtritte in den Matsch.
Ich bin ein Eskapist,
mit Leib und Seele,
ich hab nur die Wahl zwischen den Gedankeninseln,
dem Traumschloss, der Luftburg,
dem virtuellen Ich.
Und hierhin bin ich geflohen und werde wieder
was ich immer war.
Und von hier werde ich wieder fliehen,
an einen anderen Ort,
an dem alles möglich ist, aber nichts wird.
Und später, später,
an den Abenden, an denen ich
von meinem Leben berichten soll,
weiß ich nicht mehr,
was Konfabulation ist und was wirklich war
und erzähle nur noch das schon einmal erzählte.
Lebendig ist nichts mehr.
Und mal ehrlich, was machts für einen Unterschied?

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