Donnerstag, 22. Oktober 2009

Bodensatz.

Ich sitze auf dem Boden und beobachte Literaturstudentenfüßchen. Gekleidet in hübsche Lederstiefel oder etwas modernes, vielleicht mit sich überkreuzenden Streifen. Es ist ein wildes Auftreten im Saal, ein ungestümes Trappeln, ein nervöses Tippen, ein Auf- und Niederstampfen. Hacke, Spitze, Hoch das Bein! Ein bunter Schal hängt hinunter, gibt sich schmutzig farblos vom vielen Schleifen und seine Fransen schmiegen sich verhärmt an den grauen Stein.
Im Stimmengemurmel treten sich Wörter auch auf die Füße, Sprachkurs und Prüfungsanmeldung und Passwortsammlungen und man versucht im ersten Konsens gleich mit Blicken Freundschaften zu schließen und einen, irgendeinen an sich zu binden. Damit man nicht bloßsteht und nacktalleint.
Schon regen sich die ersten über die Organisation auf, immer die böse, die an dem Lehrinstitut des Zuhörers Wahl immer die schlimmste ist, weil auch fünf Minuten nach Verstreichen des ersten akademischen Viertels dieses Jahres noch keiner die Tür aufgeschlossen hat. Man nickt in der Runde und ist froh über das gemeinsame Thema, denn in der Beschwerde kennen sich die meisten aus, da weiß man am ehesten etwas zu sagen. Aber nicht zu viel, nicht zu sehr herausstechen aus der Aufregermasse, man will ja nicht als forsch oder gar Nörgelnder gelten, noch bevor man herausgefunden hat, was erwünscht ist und geduldet wird.
Wenn man überhaupt so in die Runde schaut, traut man sich durchaus zu, bereits an dem Ausdruck in den feisten Kindergesichtern abzumachen ob man sich zu dem oder dem eventuell hingezogen fühlte, wenn man dann baldmöglichst das erste Wort miteinander gesprochen haben wird. Und so steht man musternd und um sich blickend da und zieht wie an der Supermarktkasse die Anlitze und modischen Bewusst- und Unterbewusstheiten über den unfehlbaren Kassenlaserscanner und sortiert noch die Ausschussware in den großen Wühlkorb der unbekannten Hörsaalsitzer, bevor man selbst einen famos angetanen Fuß dorthinein gesteckt hätte.
Als dann endlich der schnelle, energische Professorenschrittklang den Wartesaal durchtönt, ist man ganz mucksmäuschenstill und betrachtet mit großen Augen den Lehrmeister und zukünftigen Peiniger, der, und das entschuldigt man ihm sofort und ohne Hinterfragen, nicht einmal die vertanen zwanzig Minuten erklärt. Man rückt ein in den Saal und sich gegenseitig dicht auf die Pelle und hofft darauf in Zukunft ernst genommen zu werden von der hehren Erwachsenenwelt, hofft darauf auf der Coolness-, später Karriereleiter ein Stück nach oben zu rutschen und das alles ohne möglichst viel Aufwand, immer die Kosten-Nutzen-Rechnung im Auge behaltend, natürlich partyplanerisch vorwandangebend Zeit einfordernd. Und dann lauscht man ein viel zu langes Stündchen, stellt zehnmal dieselbe Frage, versteht auch ein elftes Mal die gegeben Antwort nicht und geht hinterher schnellstmöglich noch vor dem letzten Wort des schon verärgerten, aber resignierten Herrn Professors hinaus, laut, stühlerückend und schwatzend. Um dann vor dem Gebäude in aller Ruhe fortzufahren mit dem Beschwerdechorus der Nullbockgeneration, von der ich immer behaupte, es sei eine Beleidigung und entspräche nicht der Realität. Nur dass man sich diesesmal ein anderes Thema aussuchen muss, als die nach hinten verschobene, sehnlichst herbeigewünschte Lehrveranstaltung.

Donnerstag, 8. Oktober 2009

...

Wie ist das, wenn Träume in einem keine Macht besitzen?, fragst du.
Ich nicke, will andeuten, dass ich deine Frage und ihre Bedeutung verstanden habe. Ich brauche Zeit, das ist nicht einfach. In der Ferne suche ich nach der Antwort, immer dorthin, dort wo alles möglich sein könnte, weil es nicht hier ist. Streiche über meine zerschrammten Handgelenke und rücke den Silberring zurecht. Auf meinem Handrücken schimmern die feinen Härchen in der Sonne.
Es ist wie unerfüllte Liebe, wie hoffnungslose Sehnsucht, will ich sagen, aber wir beide wissen, das Pathos zwar an betrunkenen Abenden alles erklärt, aber nur die besonderen Tage benennt, die Maxima. Den Alltag, das meistens, trifft es nicht.
Am Horizont zerteilen die Windräder den Himmel. Im gleichen Takt, für die Ewigkeit des Menschen.
"Es resigniert", sage ich schließlich. "Es macht kraftlos." Du weißt es doch, siehst mich doch zwischen den Wegen keinen wählen. Immer und immer, für meine Ewigkeit.

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