Samstag, 31. Januar 2009

Kleinstadtroulette

Zwei sitzen am Tisch, drei sind verschwunden und manche sind tot. Es hat niemand geschossen.

Wir sitzen uns gegenüber, Ines und ich, wir versuchen nett zu sein, dem anderen beim Lügen nicht ins Gesicht zu schauen, damit er sich nicht ertappt fühlt, wir versuchen die Lügen des anderen zu glauben und beim nächsten Mal wenn wir uns sehen, wird alles wahr sein, das Gelogene, das Verzerrte genauso wie die Wahrheit, die nur noch Lücken im Netz der Vergangenheit füllt, wo sie doch eigentlich das Gerüst sein sollte. Wir erzählen uns wieder dieselben Sachen wie das letzte Mal, wenigstens die Erinnerung daran ist scheint echt.
Weißt du noch, damals, so beginnt die Hälfte unserer Sätze, so trieft es uns von den Lippen. Ich lächle, knete meine Fingerknöchel durch, ja klar, damals.
Der erste Mensch sein, ich muss an Camus denken, in diesem Gespräch, immer wieder, schon seit das große Fressen begonnen hat, und wir unsere Münder mit Kuchen stopfen, damit keine Worte herausmüssen.
Der erste Mensch sein, neu sein, immer wieder neu, jeden Augenblick. Zum ersten Mal immer wieder. Das erste Mal Ich sein. Ich beiße auf einen Kirschkern, breche mir vielleicht ein Stück Zahn ab.
Irgendwann ist Stille. Verdammt, mir gehn die Geschichten aus.
Wir kennen uns nicht will ich sagen, aber es kommt nur ein Husten heraus. Ich trinke nach. Würge die Wahrheit hinunter.
Wer bist du will ich fragen, obwohl es mich gar nicht mehr interessiert. Sie zieht sich den Lippgloss dreimal nach. Ich frage mich für wen sie sich schminkt, für wen will sie schön sein, für mich? Für sich selbst? Dann merke ich, sie will sich nur beschäftigen, sie raucht eine nach der anderen, dreht das Orangensaftglas in der Sonne bis ihm schlecht wird und knibbelt an einem Zipfel der Tischdecke. Ich blicke aus dem Fenster, wegträumen ist nich nie ein Problem für mich gewesen. Doch ich bleibe anwesend, ich bin zu gespannt, will sie nicht noch mehr aus der Ruhe bringen. Was uns bleibt sind nur die Bruchteile von Sekunden, wenn sich unsere Blicke treffen. Das vertraute Braun. Was hab ich darin mal gesehen, es wärmt immer noch ein wenig. Ich will gar nicht reden, es verscheucht jeden guten Moment. Rotwein, sage ich der Kellnerin. Ines stutzt. Warum trinkst du? Ich trinke eben gern, schmunzle ich, trink mit. Sie trinkt. Weißwein.
Sie beobachtet die Schlieren, die der Alkohol auf den Glasrand schmiert, schwenkt es. Das Licht bricht sich im Glas und zaubert goldene Sprenkel auf ihr Gesicht. Sie ist ganz alt geworden, Falten zerteilen die Stirn in 4 Teile.
Was macht André, frage ich, auf Drogentherapie, achso. Ich nicke. Und Matze, ich weiß nicht, hmm aha. Leo? Ich glaube sie ist irgendwo in Hamburg, ach echt, ja, hm schön für sie, ja. Kein Kontakt mehr, nein warum auch, ich nicke wieder, der Nacken ist steif. Von den Toten sprechen wir nicht. Nicht weil es schmerzte, sondern weil es nicht mehr schmerzt. Ich frage mich, ob es das je hat.
Nach dem dritten Glas reden wir nicht mehr, es ist merklich weniger geworden. Wir sehen uns abunzu an, das genügt. Mehr bekommen wir nicht mehr voneinander.
Ich verlange die Rechnung und bezahle was ich schulde. Ein Leben lang.

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