[>>]

Durchwirkt

Mittwoch, 6. Mai 2009

Das immer Jetzt

Erinnern um davon zu erzählen, sagen sie und meinen das sammeln der lodernden Lichtmomente um dann später im Winterdunkel das Kaminfeuer damit zu schüren.

Aber was bleibt? Was bleibt.
Beim Nachdenken versinke ich im Weich meiner Matratze und frage mich: Was ist geblieben vom Gedankensommer, vom meinem Glück zwischen den Menschen? Ich erinnere mich glücklich gewesen zu sein, aber das Gefühl dazu stellt sich nicht ein. Ich erinnere mich gelacht zu haben, aber ich sitze nicht verklärt lächelnd hier. Ich sitze wie immer auf der nackten Erde, blicke zur Sternendecke und flehe um mehr.
Wochenlang bemühe ich mich zu leben, ich arbeite, lese, schreibe, gehe aus in die Nacht, gehe ein in die Zeit, fühle sie, gehe neben ihr her, aber dann bleibe ich stehen und die alte Frage lässt mich hadern: Wozu?
Immer schon ist die Zukunft das, was mich hält, was mich antreibt, aber die ist unsichtbar geworden, scheinbar irrelevant, was heißt das schon: dann ? Später? Hat es je so etwas gegeben?
Ich gebe den Wünschen Namen und 7 Tage später habe ich ihre Gesichter vergessen. Ich weiß nichts, ich hab nie etwas gewusst.
Es wird immer Jetzt sein und niemals Dann. Wie könnte es auch? Die Zukunft existiert nur in der Vorstellung.

Mittwoch, 25. März 2009

...

Alex sagte grade: Nina, du bist ein Garderobenständer!
Das war genaugenommen und abseits der Tatsache, dass ein solcher immer dicker wird, eigentlich ein schöner Moment.

Dienstag, 3. Februar 2009

Der Bruder

Die Klingel geht in einem blechernen Tone, der Vater steht schwer auf und stampft zur dunklen Tür, vorm Licht in seinem blauen Ringelhemd steht der Bruder. Er lacht. Immer schaust so finster, Papa, lach doch mal. Der Vater schaut den großen Sohn nur an und lacht dann auch. Komm doch rein.
Der Bruder erzählt, erzählt den halben Apfelkuchen lang, den die Haushälterin eigentlich für morgen gemacht hat, erzählt 4 Tassen schwarzen Kaffee entlang. Er trinkt ihn so wie der Vater ihn trinkt. Vom Studium in Heidelberg erzählt er, von den guten Noten und vom Fußball. Dem Vater blähts ganz die Brust von all den ersten Plätzen und stolzen Geschichten und auf dem dritten Stuhl denkt die Tochter, dass beide so groß sind und es scheint als ob sie grade noch wachsen würden. Sie stochert im Kuchen und hört ihrer Zukunft dabei zu wie sie sich formt. Sie trinkt den Kaffee braun mit zwei Stück Zucker, aber heute schwarz. Dem Vater fällts nicht auf, dem Bruder auch nicht. Aber ihr. Sie fühlt sich gut mit dem schwarzen Kaffee.
Der große Bruder wendet sich kurz einmal zu ihr und sagt, was willst später denn mal machen, Schwesterherz, hast ja noch Zeit aber weißts denn schon? Sicher, auch Medizin, sagts ohne von Kranken und Blut zu wissen. Der Bruder lacht mit vielen weißen Zähnen und wuschelt ihr mit der starken Hand durch die braunen Haare. Das wird was, Kleine, wir kommen mal groß raus. Der Vater strahlt übers ganze Gesicht den Bruder an, das bist doch schon, da gibts für später kein Zweifel.

Zehn Jahre hat die Tochter gebraucht um zu verstehen, dass schwarzer Kaffee ihr nicht schmeckt.

Samstag, 31. Januar 2009

Kleinstadtroulette

Zwei sitzen am Tisch, drei sind verschwunden und manche sind tot. Es hat niemand geschossen.

Wir sitzen uns gegenüber, Ines und ich, wir versuchen nett zu sein, dem anderen beim Lügen nicht ins Gesicht zu schauen, damit er sich nicht ertappt fühlt, wir versuchen die Lügen des anderen zu glauben und beim nächsten Mal wenn wir uns sehen, wird alles wahr sein, das Gelogene, das Verzerrte genauso wie die Wahrheit, die nur noch Lücken im Netz der Vergangenheit füllt, wo sie doch eigentlich das Gerüst sein sollte. Wir erzählen uns wieder dieselben Sachen wie das letzte Mal, wenigstens die Erinnerung daran ist scheint echt.
Weißt du noch, damals, so beginnt die Hälfte unserer Sätze, so trieft es uns von den Lippen. Ich lächle, knete meine Fingerknöchel durch, ja klar, damals.
Der erste Mensch sein, ich muss an Camus denken, in diesem Gespräch, immer wieder, schon seit das große Fressen begonnen hat, und wir unsere Münder mit Kuchen stopfen, damit keine Worte herausmüssen.
Der erste Mensch sein, neu sein, immer wieder neu, jeden Augenblick. Zum ersten Mal immer wieder. Das erste Mal Ich sein. Ich beiße auf einen Kirschkern, breche mir vielleicht ein Stück Zahn ab.
Irgendwann ist Stille. Verdammt, mir gehn die Geschichten aus.
Wir kennen uns nicht will ich sagen, aber es kommt nur ein Husten heraus. Ich trinke nach. Würge die Wahrheit hinunter.
Wer bist du will ich fragen, obwohl es mich gar nicht mehr interessiert. Sie zieht sich den Lippgloss dreimal nach. Ich frage mich für wen sie sich schminkt, für wen will sie schön sein, für mich? Für sich selbst? Dann merke ich, sie will sich nur beschäftigen, sie raucht eine nach der anderen, dreht das Orangensaftglas in der Sonne bis ihm schlecht wird und knibbelt an einem Zipfel der Tischdecke. Ich blicke aus dem Fenster, wegträumen ist nich nie ein Problem für mich gewesen. Doch ich bleibe anwesend, ich bin zu gespannt, will sie nicht noch mehr aus der Ruhe bringen. Was uns bleibt sind nur die Bruchteile von Sekunden, wenn sich unsere Blicke treffen. Das vertraute Braun. Was hab ich darin mal gesehen, es wärmt immer noch ein wenig. Ich will gar nicht reden, es verscheucht jeden guten Moment. Rotwein, sage ich der Kellnerin. Ines stutzt. Warum trinkst du? Ich trinke eben gern, schmunzle ich, trink mit. Sie trinkt. Weißwein.
Sie beobachtet die Schlieren, die der Alkohol auf den Glasrand schmiert, schwenkt es. Das Licht bricht sich im Glas und zaubert goldene Sprenkel auf ihr Gesicht. Sie ist ganz alt geworden, Falten zerteilen die Stirn in 4 Teile.
Was macht André, frage ich, auf Drogentherapie, achso. Ich nicke. Und Matze, ich weiß nicht, hmm aha. Leo? Ich glaube sie ist irgendwo in Hamburg, ach echt, ja, hm schön für sie, ja. Kein Kontakt mehr, nein warum auch, ich nicke wieder, der Nacken ist steif. Von den Toten sprechen wir nicht. Nicht weil es schmerzte, sondern weil es nicht mehr schmerzt. Ich frage mich, ob es das je hat.
Nach dem dritten Glas reden wir nicht mehr, es ist merklich weniger geworden. Wir sehen uns abunzu an, das genügt. Mehr bekommen wir nicht mehr voneinander.
Ich verlange die Rechnung und bezahle was ich schulde. Ein Leben lang.

Donnerstag, 21. August 2008

wo man lacht

Es tut gut wieder da zu sein.
Drei Wochen in der Heimat und andernorts haben mich auf schmerzliche Weise wieder einmal gelehrt, dass das eigene Bett nicht zu ersetzen ist und Privatssphäre unbedingt unter Androhung von Todesstrafe geschützt werden sollte.
Ich bin angekommen. Der Busfahrer des TXL kommt zwar seine üblichen paar Minuten zu spät, nimmt mir aber die mit gefühlten 80 Wackersteinen gefüllte Tasche ab und trägt sie lächelnd zum nächsten Sitz, ich nicke dankend. Die Verkäuferin bietet mir drei Kirschtaschen zum Preis von einer an und schenkt mir eine Caprisonne dazu, ich ersteigere meinen Straßenfeger für 2 Euro, mehr wollte sich der zahnlose Obdachlose einfach nicht andrehen lassen und sitze nun auf meiner Bettkante atme durch. Zum ersten Mal in meinem Leben löst ein Ort ein Gefühl aus, das ein bisschen wie frischgebackene Schrippen riecht. Egal, was der Rest der Welt über Berlin sagt - es ist mein Zuhause.

Donnerstag, 7. August 2008

...

selten hab ich ein Buch gelesen, dass die menschliche Verzweiflung am Leben und die gleichzeitige Sehnsucht danach so taumelnd schön beschreibt, wie Gabriel Garcia Marquez' Hundert Jahre Einsamkeit.
Es ist eines der schönsten Stücke Literatur, die mir je untergekommen sind. Die heiß-feuchte Luft Columbiens, die Trägheit einer Zeit ohne Vernunft und ihre gewaltige Magie lassen einem verlangend die Hände zittern.

Montag, 28. Juli 2008

Breathe me

Ich atme ein und atme die verbrauchte Luft meines Zimmers, atme den Staub, die Moleküle, meinen eigenen Atem in Unendlichkeit. Am offenen Fenster die Stadt, die Menschen, den Lärm, den lebenden Lärm, atme mich selbst in zehntausend Ausgaben. Ich atme mit einem einzigen Zug alles Leben ein, dass ich je sah und dass mir je vergönnt sein wird zu leben. Wir sind alle und keiner und nichts, nichts hilft uns zu mehr. Nichts erhebt uns über die Dächer der Welt, kein Glaube, nicht die Liebe. Wir sind nicht mehr, wir sind nur hier und nur im Jetzt. Am Ende eines langen Zuges der Luft, die das Leben ist, entweicht sie mir wieder und alles Leben ist zuende. Tote Menschen strömen aus meinen Lippen, zerstörte Häuser, Ruinen eines jeden Lebens. Das Ende. Nichts, nichts bleibt uns als das. Nur ein Atemzug Leben.
Wir alle, jeder, wir alle sind zum Tode Verurteilte und keiner, niemand, keiner nimmt uns dieses Leid. Das Leben beginnt nur um zu enden. Nur ein Atemzug Leben.

Freitag, 4. Juli 2008

Relativität

Ich saß, die Beine angezogen an der Bushaltestelle in der Dämmerung und wartete auf den verdammten TXL, der immer, aber auch immer Verspätung hat und dessentwegen ich auch darüber nachdenke die BVG wegen Zerstörung von Lebensqualität anzuzeigen. Mir war kalt, den klamm gewordenen, sich schon leicht wellenden Hamlet zwischen den noch klammeren Fingern, miesepeterte ich im Nieselregen und verfluchte innerlich die Hiphoppfeife neben mir, für erstens ihren Zigarettenrauch und zweitens Pa Doddy auf gefühlten 480 Gigadezibel aus Handylautsprechern. Ich kann nicht mit Subkulturen und deren seltsamen Belangen. Herrgott, ich lese meine Bücher doch auch nicht laut vor... Ich hätte Johnny B. natürlich auch fragen können: Was bedeutet's, Daß, toter Leichnam, du, in vollem Stahl. Aufs neu des Mondes Dämmerschein besuchst, die Nacht entstellend, dass wir Narren der Natur so furchtbarlich uns schütteln mit Gedanken? Ich meine... Vermutlich hätte er angenommen ich würde ihn dissen oder soetwas in der Richtung, womit er in seiner Welt nicht einmal Unrecht gehabt hätte.
Genug dachte ich und stellte auf Innenleben. Muschelmeeresrauschen im Ohr, die Welt im Licht einer goldenverglasten Brille. Einatmen, ausatmen. Es ist ein wunderschöner Tag, der Regen perlt am Glas der Bushaltestellenscheibe ab wie am Blatt einer Tropenpalme und der nette Junge neben mir unterhält mich mit seiner exotisch afrikanischen Musik. Ich genieße den Wind nach der langen Hitze, atme die feuchte Luft ein, schmecke den metallenen Geschmack auf der Zunge, schließe die Augen und höre kein Berlin mehr, sondern nur noch das Geräusch des Regens. In meinen Gedanken sind wir schön.

...

Bisweilen lässt mich der Gedanke nicht los, mein Vater verschaffte sich durch die monatliche Überweisung Absolution und die Illusion von Kontakt.

Donnerstag, 3. Juli 2008

...

Theodor Ulrich Lieberman hatte ein Lieblingsfoto. Es zeigte Sohn und Tochter und sich selbst, fröhlich lachend. Er hatte es dreimal vervielfachen lassen. Eines trug er beim Geld auf dass es ihn an den Wert erinnere. Eines beim Herzen auf dass es die Kälte vertriebe. Das letzte trug er beim Kopf auf dass es Wahrheit würde.

Archiv

Dezember 2009
Mo
Di
Mi
Do
Fr
Sa
So
 
 1 
 2 
 3 
 5 
 6 
 7 
 8 
 9 
10
11
12
13
14
15
16
17
18
19
20
21
22
23
24
25
26
27
28
29
30
31
 
 
 
 
 

Seitenweise Chaos

Musikliste

Aktuelle Beiträge

today's penny's day
penny penny in deinen augen den blauen schwärzt...
chaosmaedchen - 4. Dezember, 00:13
fall born
For days i have let fresh air stream into my chambers Doors...
chaosmaedchen - 16. November, 22:33
Der Schall
I Ich werde früher müde, jeden Tag. Vor einer...
chaosmaedchen - 3. November, 12:16
wie gern ich menschliche...
wie gern ich menschliche Unsicherheiten habe :) und...
gil (Gast) - 1. November, 23:38
Du hast ja nicht die...
Du hast ja nicht die geringste Ahnung, wie gespannt...
chaosmaedchen - 22. Oktober, 14:13

Suche

 

Status

Online seit 664 Tagen
Zuletzt aktualisiert: 4. Dezember, 00:21

Credits

vi knallgrau GmbH

powered by Antville powered by Helma


Creative Commons License

xml version of this page
xml version of this topic

twoday.net AGB