Durchwirkt

Donnerstag, 21. August 2008

wo man lacht

Es tut gut wieder da zu sein.
Drei Wochen in der Heimat und andernorts haben mich auf schmerzliche Weise wieder einmal gelehrt, dass das eigene Bett nicht zu ersetzen ist und Privatssphäre unbedingt unter Androhung von Todesstrafe geschützt werden sollte.
Ich bin angekommen. Der Busfahrer des TXL kommt zwar seine üblichen paar Minuten zu spät, nimmt mir aber die mit gefühlten 80 Wackersteinen gefüllte Tasche ab und trägt sie lächelnd zum nächsten Sitz, ich nicke dankend. Die Verkäuferin bietet mir drei Kirschtaschen zum Preis von einer an und schenkt mir eine Caprisonne dazu, ich ersteigere meinen Straßenfeger für 2 Euro, mehr wollte sich der zahnlose Obdachlose einfach nicht andrehen lassen und sitze nun auf meiner Bettkante atme durch. Zum ersten Mal in meinem Leben löst ein Ort ein Gefühl aus, das ein bisschen wie frischgebackene Schrippen riecht. Egal, was der Rest der Welt über Berlin sagt - es ist mein Zuhause.

Donnerstag, 7. August 2008

...

selten hab ich ein Buch gelesen, dass die menschliche Verzweiflung am Leben und die gleichzeitige Sehnsucht danach so taumelnd schön beschreibt, wie Gabriel Garcia Marquez' Hundert Jahre Einsamkeit.
Es ist eines der schönsten Stücke Literatur, die mir je untergekommen sind. Die heiß-feuchte Luft Columbiens, die Trägheit einer Zeit ohne Vernunft und ihre gewaltige Magie lassen einem verlangend die Hände zittern.

Montag, 28. Juli 2008

Breathe me

Ich atme ein und atme die verbrauchte Luft meines Zimmers, atme den Staub, die Moleküle, meinen eigenen Atem in Unendlichkeit. Am offenen Fenster die Stadt, die Menschen, den Lärm, den lebenden Lärm, atme mich selbst in zehntausend Ausgaben. Ich atme mit einem einzigen Zug alles Leben ein, dass ich je sah und dass mir je vergönnt sein wird zu leben. Wir sind alle und keiner und nichts, nichts hilft uns zu mehr. Nichts erhebt uns über die Dächer der Welt, kein Glaube, nicht die Liebe. Wir sind nicht mehr, wir sind nur hier und nur im Jetzt. Am Ende eines langen Zuges der Luft, die das Leben ist, entweicht sie mir wieder und alles Leben ist zuende. Tote Menschen strömen aus meinen Lippen, zerstörte Häuser, Ruinen eines jeden Lebens. Das Ende. Nichts, nichts bleibt uns als das. Nur ein Atemzug Leben.
Wir alle, jeder, wir alle sind zum Tode Verurteilte und keiner, niemand, keiner nimmt uns dieses Leid. Das Leben beginnt nur um zu enden. Nur ein Atemzug Leben.

Freitag, 4. Juli 2008

Relativität

Ich saß, die Beine angezogen an der Bushaltestelle in der Dämmerung und wartete auf den verdammten TXL, der immer, aber auch immer Verspätung hat und dessentwegen ich auch darüber nachdenke die BVG wegen Zerstörung von Lebensqualität anzuzeigen. Mir war kalt, den klamm gewordenen, sich schon leicht wellenden Hamlet zwischen den noch klammeren Fingern, miesepeterte ich im Nieselregen und verfluchte innerlich die Hiphoppfeife neben mir, für erstens ihren Zigarettenrauch und zweitens Pa Doddy auf gefühlten 480 Gigadezibel aus Handylautsprechern. Ich kann nicht mit Subkulturen und deren seltsamen Belangen. Herrgott, ich lese meine Bücher doch auch nicht laut vor... Ich hätte Johnny B. natürlich auch fragen können: Was bedeutet's, Daß, toter Leichnam, du, in vollem Stahl. Aufs neu des Mondes Dämmerschein besuchst, die Nacht entstellend, dass wir Narren der Natur so furchtbarlich uns schütteln mit Gedanken? Ich meine... Vermutlich hätte er angenommen ich würde ihn dissen oder soetwas in der Richtung, womit er in seiner Welt nicht einmal Unrecht gehabt hätte.
Genug dachte ich und stellte auf Innenleben. Muschelmeeresrauschen im Ohr, die Welt im Licht einer goldenverglasten Brille. Einatmen, ausatmen. Es ist ein wunderschöner Tag, der Regen perlt am Glas der Bushaltestellenscheibe ab wie am Blatt einer Tropenpalme und der nette Junge neben mir unterhält mich mit seiner exotisch afrikanischen Musik. Ich genieße den Wind nach der langen Hitze, atme die feuchte Luft ein, schmecke den metallenen Geschmack auf der Zunge, schließe die Augen und höre kein Berlin mehr, sondern nur noch das Geräusch des Regens. In meinen Gedanken sind wir schön.

...

Bisweilen lässt mich der Gedanke nicht los, mein Vater verschaffte sich durch die monatliche Überweisung Absolution und die Illusion von Kontakt.

Donnerstag, 3. Juli 2008

...

Theodor Ulrich Lieberman hatte ein Lieblingsfoto. Es zeigte Sohn und Tochter und sich selbst, fröhlich lachend. Er hatte es dreimal vervielfachen lassen. Eines trug er beim Geld auf dass es ihn an den Wert erinnere. Eines beim Herzen auf dass es die Kälte vertriebe. Das letzte trug er beim Kopf auf dass es Wahrheit würde.

Montag, 30. Juni 2008

...

Wir sind nicht mehr Schuld sagst du und wäschst dir die Hände in rotem Blut. Ich denke: Wir sind Schuld wie die ersten Grabesschaufler, es gibt kein verzeihen. Wir dürfen nicht vergessen. Du sagst: Wir waren nie Schuld, das war ganz Europa. Ich denke: Und wenn du die Menge der Schuldigen um eine Zillion vergrößerst, es macht die eig’ne nicht kleiner. Du sagst: Keiner würde das heute mehr können. Ich denke: Nur das Erinnern sagt uns das, wenn wir vergessen, wird alles neu sein. Du sagst: Vergiss das doch endlich, es ist längst totgeredet. Ich sage: Besser wir reden die eigene Schuld tot, als nocheinmal Leid totzuschweigen.

Sonntag, 29. Juni 2008

escape I

Nassgeschwitzt aufgewacht, seit ein paar Tagen immer wieder derselbe Traum, ich und die Drogen. Warum kehren sie wieder? Vielleicht hab ich zuviel nachgedacht, seitdem Morb in letzter Zeit zuviel Bier trikt und vielleicht sehe ich mich auch nur gerne an auf dem Höhepunkt meiner Flucht vor mir selbst und erinnere mich gerne an mein erschrockenes Spiegelbild. Der Moment des Selbstwahrnehmes, des Selbstabrechnens, da entschied ich mich, ich wählte: Leben, vollkommen und ging vom monatelangen Irren durch weiße Straßen in eine Erkundung anderer Welten über, von denen mich keine lange genug fesselt. Manchmal verschwinde ich mit Haut und Haar in einem Wort, in einem Bild, in einem Spiel, in einem Ton und dann muss ich auftauchen, Luft schnappen danach. Wirklichkeit als Lebenselixier. Und doch die Ursache aller Todeswünsche. Auch in mir. Aber zuerst: Augen zu, Paris, 18.Jahrhundert, ich stehe vor einem goldumrahmten Bild, dunkle Farben tropfen vom Pinsel herab, den der Liebste mit seinen Alabasterarmen zögernd nicht bewegen kann, den er reglos und zum Denken still verharrrt zur Ruhe gezwungen hat. Auf ewig, denn nichts ist wahr und ob er weitermalt, entscheide ich allein. Illusion. Ich erschwere die Luft mit dem Duft von Patchouli, ich mache sie heiß und trocken, nein feucht, sodass das Atmen schwer fällt. Was noch? Ich kleide ihn in braunes Leinen, das locker an ihm herabfließt und mich selbst in einen Traum aus Rokoko. Verschling mich! Er dreht sich um, die braunen Locken dreh’n sich und aus kakaobraunen Augen schaut mich die schiere Hitze an. Ich werde gepackt und man hebt mir die blutroten Röcke, reißt sie in Stücke, wirbelt herum bis nichts mehr bleibt als ein Hauch von schwarzen Unterrock, die Schwüle erstickt alles Denken, nein macht es unmöglich und ich befehle tonlos: Küss mich endlich, als sekundenspäter heißer Atem an meinen Lippen tanzt und sich in mir vergraben wird, wie gewollt. Illusion. Oh verdammte, hassenswerte Illusion, du bist mir so zu wider, bist mir so widerlich und klein und hässlich. So durchschaubar. Was nutzt mir der perfekte Kuss, wenn ich selbst geschaffen hab, wie es geschieht, wenn ich am Hebel der Macht sitze und doch nur hilflos sein will. Ich will nur erfahren. Denn das ist die Wirklichkeit. Ich sehe: Ich wählte das Leben zurecht.

Samstag, 31. Mai 2008

Alles ist eine Möglichkeit

Ich bin noch nicht erfüllt, noch lange nicht. Aber ich bin nicht mehr zu still um zu sagen: ich will mehr. Mir ist nicht egal was morgen kommt. Das wäre eine Lüge, aber das Heute ist nicht mehr vom morgen abhängig. Wenn ich heute keine Lust habe, habe ich eben keine.
Freisein heißt alles können, aber nichts müssen. Und Freiheit ist schon dieses Potential. Nicht das Tun. Ich bin frei.
Mir reicht das hier. Gießen hat sein müssen. Die Enttäuschung nicht hundert Leute getroffen zu haben, die sind wie ich, die bittere Erkenntnis, dass studieren überhaupt nicht so ist, wie ich dachte, dass WG-Leben nicht andauernd irgendwie total gechillt ist. Die Wahrheit darüber, dass ich ein Mensch bin, dem es niemals leicht fallen wird, nicht zu fliehen. Ich bin so, ich habe heute aufgehört mich darüber zu beklagen. Ich bin nunmal so. Stärke und Willenskraft sind Dinge, die mir fehlen. Meine Schwächen. Ich habe heute aufgehört das zu beweinen, ich denke: Es ist schwer, denn es birgt nunmal soviel Gefahr sich zu entrealisieren, sich zu entziehen, aber es ist auch eine Stütze, denn wer kann schon einfach auf einen Fingerschnips vergessen was heute passiert ist...wer kann besser abschalten als ich? Gutes und Böses gehen immer Hand in Hand. Ich mag das. Heute ist es gut.
Gießen hat sein müssen um Berlin zu ermöglichen. Den Menschen mehr Zeit geben. Weil jeder Mensch Zeit verdient hat. Mir selbst mehr Zeit geben. Mich nicht unter Druck setzen. Lieber nur eine Zwei oder von mir aus eine Drei schreiben, aber gelebt haben, nein, nicht gelitten haben. Durchatmen. Keinen Zwang mehr zulassen. Mich selbst erkennen. Berlin ist anders. Es entspricht nicht den Abituriententräumen vom Studentenleben, aber es ist nahe an etwas, dass ich Zufriedenheit nenne und ich meine: wann hab ich das das letzte mal gespürt? Lang, lang ist's her.
Momente genießen, wie Salat machen um 2 Uhr nachts in der Küche, mit Morbus lachen über Salatblattstrukturen oder Obsessivität oder Essen um zwei Uhr nachts. Ich weiß es nicht mehr. Aber es hat sich richtig angefühlt. Mit Pete in der Sonne vor dem Hugendubel über eine Blaskapelle lästern, Bananeneis in der Friedrichstraße essen. Die importieren das hundert pro aus Panama. Mit Falballa Bolognesesauce machen, die kein bisschen nach Bolognese schmeckt, aber überirdisch lecker. Mit einem gipsverschmierten Bauarbeiter über die Bäckerei reden, die bald aufmacht. Nichts verstehen, weil er aus Sachsen kommt. Dem dicken arabischen Jungen von gegenüber zuzwinkern, wenn er nachts in seiner hellerleuchteten Küche steht und in deine hellerleuchtete Küche starrt. Feststellen, dass man nur eine Unterhose anhat. Rot anlaufen. Viel lachen. Ich lache hier viel mehr. Noch ist die Haut blasser als einst, noch blicke ich zuoft nach unten, nach hinten. Aber es wird. Ich kann es fühlen. Jeden Tag. Es kann alles gut werden. Es wird gut. Ich lache hier viel mehr.

Mittwoch, 28. Mai 2008

Punktlosigkeit par exellance

Was ich im letzten Text an drei Punkten dagelassen hab, muss ich mir in den nächsten zwanzig auf jeden Fall sparen. Betrunken schreiben hat nicht wirklich seine Vorteile, vermute ich im Nachhinein. Das Mirage läuft. Jeden Tag tippe ich einen weiteren Satz ins One-Note und die grenzenlose Angst, dass es möglichwerweise grenzenlos schlecht wird, ist allumfassend, weshalb ich unbedingt Morbus brauche, den mein Selbstzweifel ein wenig um Motivation anwinseln kann. Außerdem gerät alles irgendwie aus dem Fluss ohne seine mahnmalartige Anwesenheit. Ich meine er ist quasi der Fabriksvorsteher der Schreibmaschinerie, quasi die Unternehmensoptimierung meiner Kulturfabrik. Eine gezückte Augenbraue, ein spöttisches Mundwinkelzucken, ich muss seufzen, mich dann fragen: Was hab ich mir da eigentlich vorgemacht? Realitätsanker. Gute Beschreibung. Gute Besserung. Mal was getroffen.
Ansonsten: Schnelligkeit, einfach machen, laufe, laufe, Kind, laufe weiter. Auf etwas zurennen, das etwas nicht kennen, es trotzdem tun. Kann auch gut sein, wie ich merke. Merkwürdig vor allem deshalb, weil es gut ist.
Mein Kopf analysiert die Sucht (wir brauchen sie gar nicht benennen, es sind derer viele) mit einem Kalkül, dass ich bestaune. Noch mehr staune ich darüber, dass ich mich tatsächlich selbst austricksen kann. Ich frage mich: Ist Leben nicht Spiel zwischen zwei Mächten in einem und wirklich frei sein, heißt die dritte einschalten und verfügen? Wie wenig ich frei war, die dritte hat bis jetzt eigentlich immer mehr belustigt den anderen beiden zugesehn. Ihnen gar Beifall geklatscht, hat einer von ihnen besonders fein gespielt. Nennen wir sie mal Lara und Natalie. Natalie hat mir heute eingeredet ich könne auf gar keinen Fall eine halbe Tonne Spaghetti Bolognese ohne Zigarette verdauen. Nathalie hat eine widerliche Art einem Dinge zu verklickern, sie streichelt einem dabei den Bauch und krault einem den Kopf. Lara hat dann gesagt: Wenn du denkst, dann rauch. Sie ist ja viel feinfühliger, appeliert an Sublimierteres wie Ehrgefühl, Ehrgeiz und Kampfgeist, an schlechtes Gewissen. Sie ist gerissener eigentlich. Wobei Nathalie auch ziemlich gerissen sein kann. Aber sie ist es auf eine plumpe Art, so ein wenig nach dem Motto: Titten raus, nett lächeln, dann kriegen wir den Typ.
Break.
Der dritte Teil schaltet sich eben ein: Nina sagt, ich solle aufhören mich als drei Personen zu sehen, das könnte den Anschein erwecken ich habe sie nicht mehr alle und würde bei längerem Praktizieren auch dazu führen, dass mir mindestens soviel abhanden kommt, dass ich sie tatsächlich nicht mehr alle habe.
Morgen sex and the city premiere mit Schampus.


Laufen Laufen
Verschwommene Bilder rasen vorüber
Pick eines heraus und lächle darüber
Schick es zurück in den Strom.
Laufen Laufen
Nur der Schritte Schönheit zählt
Nichts was uns als der Füße quält
Wir sind doch müd längst schon.

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