Montag, 18. Januar 2010

murderlike day

Ein Tag wie ein Mörder, steht hinter Bäumen, steht hinter Büschen, schaut mich mit gläsernen Augen an, er will etwas, er will etwas. Was ist es nur?


Ich sitze auf einem Stuhl, schaue irgendetwas, einen Film vielleicht und dann knirscht etwas unter mir. Ich bin wie in Trance, wie narkotisiert, wie still gemacht, schaue zu meinen Füßen, doch stattderer ist unter mir ein Loch und ich bin körperlos, nur ein Geist vielleicht, auf den Grabsteinen. Durch Efeugeflecht sehe ich, wie unter mir, im Stock unter mir, jemand steht, in einem blau-weiß gestreiften Pullover. Ich muss an Meer denken, an Wellen und an das Schiff, gegen das ich einst die Flasche warf.
Es klingelt, jemand klingelt, jemand kommt. Ich, nein, ich, ein anderes ich, ein ungekanntes, verstecktes steht auf, erhebt sich, tapst mit kalten Füßen die Treppe hinab. Dann wird ein Schlüssel ins Schloss gesteckt, rastet ein, laut, unerträglich laut, hundertfach echot ein Schall durchs Haus. Das Quietschen der Tür und die Schritte, die bekannten Schritte. Wem gehören sie? Die Treppe wankt und wankt und ich komme nicht unten an, nach zig Stufen kein Ende. Ich kann sie hören, deine Schritte.
Die weichen Flusen des Teppichs empfangen meine Geisterfüße, meine Haut wird fahl, sie ist am falschen Ort. Die Schritte, schweren Schritte, schweren, dumpfen Schritte, das Klingeln, die Schritte, das Quietschen der Tür. Ich kenne es, lass die Treppe doch enden, lass den Teppich doch ausgehen, auslaufen, sich vor mir nicht endlos aufrollen. Meine Füße, die ewig kalten, auf die sich mein Hund immer legt, wenn ich Mutter besuche. Mutter. Der Schall, das raue Geräusch des Schlüssels, die Schritte. Wer ist in meinem Haus, wer ist in meinem Haus? Mein Haus. Der Teppich endet, ich trete auf Fliesen, die Treppe im Rücken, der Schall noch vor mir. Deine Schritte. Da bist du. Stellst Tüten auf den Tisch, den Rücken zu mir, reißt einen Briefumschlag auf, das Geräusch zerschneidet mir die Lungen. Dein breiter Rücken. Dein Geruch, das Meer, das Rauschen, die Wellen, das Salz. Deine Hände.
Ich stelle mein Ich neben dir ab, du schaust nicht vom Brief auf, liest ihn angestrengt, ich kann es sehen, deine schwarzen Augenbrauenbüsche sind verzogen, leicht verärgert, nicht wütend. Du hebst den Arm, ich kann hören, wie er die Luft teilt, kann ihn niedergehen sehen, näherkommen, auf mich zufallen.
Deine Hand umfasst meine Schulter. Ich kann den Druck spüren, ich zittere, die kalten Füße stehen reglos, erstarrt, zu Eis betoniert. Ich zittere. Wer bist du? Du ziehst mich an dich, ich bin viel kleiner als du, ich kann den Zug fühlen, wie gewaltig er ist. Du kannst das Meer teilen mit deinen Händen. Du allein kannst mich richten, du kannst mich erheben, du kannst mich absetzen auf den Dächern. Du kannst mich in die Kerker geleiten. Dorthin, wo du mich einst zurückgelassen hast. Wer bist du?
Ich bin so klein, ich bin winzig, kraftlos, mein Nebelschwadenkörper, Regenhaut und blinde Grauaugen. Ich spüre den rauen Stoff deines Mantels an meiner Wange. Ich gehe dir bis zur Hüfte. Deine glühende Feuerhand liegt auf meiner Schulter, dann auf der Wange, auf dem Haar, dem flaumig weichen Dampfhaar. Ich schaue dich an, während du die Post liest. Ich höre mich sagen:
"Warum bist du hier? In meinem Haus. Warum bist du hier?"
Du legst mir die Hand vor den Mund, legst den Finger der anderen Hand an die Lippen.
"Warum bist du hier? DU BIST TOT."
Dein Gesicht erstarrt, gefriert wie die Füße zu Eis. Du wendest dich zu mir, ziehst mich mehr an dich. Dann ist die Welt hell. Ich kann ihn spüren, wie er sich regt, der endlose Schmerz, der See aus Schmerz, in den mein Herz trieft, ich kann hören wie sein Eis bricht, wie deine schweren Schritte ihn brüchig gemacht haben, der Schall Risse geschaffen hat. Ich kann ihn spüren, ich gehe in die Knie.
"Warum bist du hier? DU BIST TOT."
Er bricht auf, ich greife nach dir, ich berühre deine Hand, kann ihre Schwere spüren, ihre Hitze, ihre Gewaltigkeit. Sie ist so groß wie ein Teller. Alles bricht auf, Charybdis stemmt sich aus der stillen Oberfläche empor..
es braust und zischt, als wenn Feuer mit Wasser sich mischt
...poseidisches Brodeln, Brausen, ich kann es fühlen, wie alles mich frisst, wie mir Atem aus Lungen entweicht und mein Körper wieder fester wird, während du langsam verschwindest. Du löst dich auf, dein erschrockenes Gesicht wird zum traurigen Lächeln. Dein grau-schwarzer Bart beginnt in Pusteblumen aufzusteigen. Der Mantel weht in einem schwarzen Tuch davon. Du hast den Wind ins Haus gelassen. "Was tust du hier? GEH NICHT FORT." Doch du verschwindest. Meine Knie bluten, mein Gesicht brennt, meine Füße sind kalt und stehen im knöcheltiefen Wasser. Es fällt Schnee - endlos. DU BIST FORT.



Es ist ein Tag wie ein Mörder, steht hinter den Büschen, hinter den Türen und lauert dir auf, belauert, beschaut dich. Zwischen den Momenten, zwischen dem Drücken des Fahrstuhlknopfs und dem Aufgehen der Türe befällt er dich.

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